Selbstvertrauen – wenn der eigene Wert ständig geprüft wird
Unsicherheit und einen zu geringen Selbstwert sieht man Ihnen auf den ersten Blick nicht an. Manche ziehen sich zurück. Andere werden besonders angepasst, leistungsbereit, freundlich oder kontrolliert. Hauptsache, niemand merkt, wie unsicher sie sich eigentlich fühlen.
Das kann jahrelang funktionieren. Angenehm ist es nicht.
Wer sich selbst ständig beobachtet, findet wenig Ruhe. War das eben peinlich? Habe ich zu viel gesagt? War ich interessant genug? Hätte ich mich durchsetzen müssen? Was denken die anderen jetzt über mich?
Irgendwann wird aus Unsicherheit eine ziemlich strenge Form der Selbstkontrolle.
Wie sich Unsicherheit zeigen kann
- Angst vor negativer Bewertung oder prüfenden Blicken
- Schwierigkeiten, eigene Interessen zu vertreten
- große Angst vor Fehlern oder Peinlichkeit
- häufiges Vergleichen mit anderen
- das Gefühl, weniger kompetent oder weniger interessant zu sein
- ständiges Nachdenken darüber, wie man auf andere wirkt
- übermäßige Anpassung, Perfektionismus oder Rückzug
Viele wissen durchaus, dass ihre Einschätzung übertrieben ist. Das hilft nur begrenzt. Das Gefühl, nicht zu genügen, kann erstaunlich hartnäckig sein.
Wenn Unsicherheit chronifiziert
Das, was umgangssprachlich gern als „Schüchternheit“ abgetan wird, muss für Betroffene kein großes Problem sein, solange sie ihr Leben leben können: Menschen treffen, telefonieren, Termine vereinbaren, Einladungen annehmen, im Beruf und im Privatleben widersprechen und die eigene Aussage im Raum lassen, ohne sie durch ein Lächeln, eine abwertende Geste oder ein kurzes Lachen sofort wieder selbst zu entwerten.
Problematisch wird es, wenn immer mehr gemieden wird. Dann kann sich soziale Angst verfestigen und chronifizieren. Soziale Phobien beginnen in der Regel im frühen Jugendalter. (S3-Leitlinie Angststörungen, AWMF 2021)
Woher kommt dieses Gefühl?
Unsicherheit hat selten nur eine Ursache. Manche Menschen waren schon als Kinder vorsichtiger, gehemmter oder empfindlicher gegenüber Bewertung. Andere wurden häufig kritisiert, beschämt oder verglichen.
Auch die Schulzeit kann stark prägen. Ausgrenzung, Mobbing, Lächerlichmachen vor anderen oder wiederholte Erfahrungen, nicht dazuzugehören, können soziale Unsicherheit erheblich verstärken. Das kann auch Menschen treffen, die zu Hause Rückhalt erfahren haben und vorher recht unbeschwert waren.
Besonders hartnäckig wird es, wenn sich daraus Regeln entwickeln wie: Ich darf nicht auffallen. Ich darf nichts Falsches sagen. Ich muss mich anpassen. Ich darf mich nicht blamieren.
Bei frühen und über längere Zeit wiederkehrenden Erfahrungen von Beschämung und Abwertung kann auch das Thema Entwicklungstrauma eine Rolle spielen.
Positive Gedanken reichen meistens nicht
Menschen mit wenig Selbstvertrauen wissen häufig längst, dass sie freundlicher mit sich umgehen sollten. Manche haben Selbsthilfe-Bücher gelesen, Podcasts gehört oder sich hundertmal gesagt, dass sie „gut genug“ sind. Gedanken verändern sich nur begrenzt durch gute Vorsätze. Auch der bloße Versuch, immer resilienter zu werden, hilft leider wenig.
Wer überzeugt ist, sich nicht blamieren zu dürfen, braucht irgendwann die Erfahrung, sich vielleicht doch einmal zu blamieren und festzustellen, dass die Welt weitergeht. Wer immer nachgibt, muss erleben, was passiert, wenn er widerspricht. Wer jeden Fehler verhindern will, muss irgendwann Fehler zulassen.
Ja, das fühlt sich neu und unangenehm an. Darin liegt die Erfahrung, die so wichtig ist: Widerstand bedeutet nicht Blamage, sondern es gehört zum Leben dazu.
Bei manchen Menschen zeigt sich die Angst vor Bewertung sehr konkret, etwa in der Angst vor dem Erröten
Alte Maßstäbe
In der Therapie interessiert mich, woher jemand seine Maßstäbe für sich selbst hat.
- Wer entscheidet, wann Sie gut genug sind?
- Wie viel Leistung ist nötig, bevor Sie zufrieden sein dürfen?
- Wie reagieren Sie auf eigene Fehler?
- Würden Sie mit einem anderen Menschen so sprechen, wie Sie manchmal mit sich selbst sprechen?
- Und darf persönliche Selbststrenge allmählich Gelassenheit weichen?
Wichtig ist Entwicklung – nicht Perfektion!
Selbstvertrauen entsteht (auch) im Tun
Man kann sehr lange darüber nachdenken, weshalb man sich etwas nicht zutraut. Irgendwann braucht es Erfahrung:
Ein schwieriges Gespräch führen. Eine eigene Meinung stehen lassen. Eine Grenze setzen. Eine Einladung annehmen, obwohl man sich unsicher fühlt. Etwas versuchen, ohne vorher zu wissen, ob man gut darin sein wird.
Fehler, Kritik und Unsicherheit werden nicht schnell verschwinden, aber man bekommt mehr Freiraum für eigene Bedürfnisse.
In der Therapie
Ich schaue mit Ihnen auf die Situationen, in denen Unsicherheit besonders stark wird, auf Gedanken und Erwartungen dahinter und auf Erfahrungen, die Ihr heutiges Selbstbild geprägt haben können. Dann muss geübt werden, konfrontiert werden, wiederholt werden.
Manche alten Überzeugungen sind ziemlich hartnäckig. Dabei verbinde ich verhaltenstherapeutische und akzeptanzbasierte Ansätze mit biografischer Arbeit.
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